Die Waldtaube und das Huhn

In alten Zeiten, als die Menschen anfingen, Geflügel zu halten, wußten sie nicht, welchen Vogel sie zum Hausvogel nehmen sollten, die Waldtaube oder das Huhn. Da das Huhn größer war und einen schöneren Körper hatte, blieb man beim Huhn. Doch das Huhn legte damals nur zwei Eier mit einer rauhen, schorfigen Schale. Die Waldtaube aber legte sechs Eier mit einer schönen gelben Schale und kam jeden Tag zu der Hausfrau mit der Bitte, sie doch zum Hausvogel zu nehmen und das Huhn in den Wald zu schicken. Schließlich befahl auch die Hausfrau dem Huhn, in den Wald zurückzugehen, und schickte das Mädchen in den Wald, die Waldtaube zu rufen. Doch die Waldtaube war aufs Erbsenfeld gegangen und nicht zu Hause.
Das Huhn begann im Walde bitterlich zu weinen und darüber zu klagen, daß es nun, da es nicht hoch fliegen könne, von den anderen auf der Erde lebenden Tieren und auch von den fliegenden Vögeln gefressen und ihr Geschlecht auf diese Weise aussterben werde.
Da kam eine Amsel geflogen, und als sie das Huhn klagen hörte, lehrte sie es, die sechs gelben Eier der Waldtaube zu nehmen und die zwei eigenen schorfigen Eier statt ihrer ins Nest hineinzule-gen.
Das Huhn freute sich. Es lief nach Hause, nahm die eigenen zwei schorfigen Eier, brachte sie in das Nest der Waldtaube, nahm deren sechs Eier heraus und brachte sie nach Hause in ihr Nest. Damit ihm die Waldtaube diese Eier nicht wieder wegnahm, ging das Huhn nicht mehr vom Nest herunter und brütete die Eier Tag und Nacht, dabei bat es den Herrgott flehentlich, daß er ihm auch solche Eier geben möge.
Und, o Wunder, nach drei Wochen kamen aus den Eiern der Waldtaube sechs hübsche junge Hühner heraus. Das Huhn begann ebenfalls Eier mit so schöner gelber Schale zu legen und nicht nur sechs, und je mehr die Hausfrau dem Huhn zu fressen gab, um so mehr Eier legte es. So hatte der Herrgott das Huhn für nützlicher gehalten und seine Bitte erhört.
Die Waldtaube klagt bis auf den heutigen Tag im Walde: „Nuu, nuu, nuu, ich hatte sechs goldene Eier, das Huhn zwei schorfige Eier, ja!“

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