Die kluge Bauerntochter

Ein Gutsherr wollte einem Bauern den Hof wegnehmen. Das war für den Bauern sehr bitter, denn er hatte ein schönes, allein stehendes Gehöft mit gut bearbeiteten und gedüngten Feldern und festen Gebäuden. Auf diesem Hof hatten schon mehrere Generationen seiner Vorfahren gelebt, deshalb wollte er um keinen Preis seine Stelle aufgeben.
Der Mann ging zum Gericht und verklagte den Gutsherrn: Der Herr wolle nur deshalb seinen Hof dem Gut angliedern, weil dieser gut gepflegt und bebaut sei. Er selbst habe sich in keiner Weise gegen den Gutsherrn vergangen oder ihn verärgert.
Der Gerichtsdiener war zu dem Bauern sehr freundlich und ihm wohlgesinnt.
Eines Tages wurden der Gutsherr und der Bauer vors Gericht geladen. In alten Zeiten hielt man sehr viel von Rätseln und ihren Lösungen. Deshalb befahl auch der Gerichtsherr dem Gutsbesitzer und dem Bauern, am zweiten Gerichtstag mit einem Rätsel zum Gericht zu kommen; wessen Rätsel die Richter nicht erraten werden, der wird recht bekommen.
Beide gingen nach Hause, und beide hatten reichlich Sorgen und Kopfzerbrechen.
Der Gutsherr nahm Bleistift und Papier zur Hand und begann zu überlegen, doch er fand kein Rätsel, von dem er hoffen konnte, daß es nicht gelöst werde.
Der Bauer war ebenfalls in Sorge, er wußte nicht, was er anfangen sollte. Das sah seine zwölfjährige Tochter, und sie fragte den Vater: „Was hast du für Sorgen, du willst weder essen noch trinken?“
Der Vater erzählte der Tochter, wie die Dinge standen.
„Wenn ich kein solches Rätsel finde, sind wir unseren Hof los. Was fangen wir dann an?“
„Na, macht nichts, damit werden wir schon fertig. Geh zum Gericht und frag die Richter: Wie alt ist die Sonne, und wie schwer ist der Mond? Wol-len wir sehen, ob sie darauf antworten können.“
„Und woher willst du das wissen, mein Kind?“ fragte der Vater.
„Schau, Vater“, antwortete die Tochter, „die Sonne wird niemals älter als einen Tag, am Abend geht sie unter, und wenn sie am nächsten Morgen wieder aufgeht, so ist es schon ein anderer Tag. Und dann sagen wir, daß der Mond ein Pfund schwer ist: Denn das Pfund hat vier Viertel und der Mond ebenfalls vier Viertel.“
Es kam der Gerichtstag, und der Gutsbesitzer und der Bauer gingen zum Gericht.
Zuerst hieß es zum Gutsbesitzer: „Gib dein Rätsel auf!“
Der Gutsbesitzer hatte kein Rätsel aufzugeben.
Dann fragte man den Bauern: „Wo ist dein Rätsel?“
Der Bauer fragte: „Wie alt ist die Sonne, und wie schwer ist der Mond?“
Die Richter überlegten und überlegten, doch sie fanden keine richtige Lösung. Schließlich erklärte ihnen der Bauer selbst sein Rätsel; da meinten die Richter, daß es so sei, und sprachen ihm den Hof zu.
Nachher fragte der Hauptrichter, woher er sein Rätsel habe, ob aus seinem eigenen Kopf oder von einem anderen? Der Mann erzählte, daß er zu Hause eine zwölfjährige Tochter habe, von der stamme das Rätsel. Der Richter staunte, daß er eine so kluge Tochter hatte, und bat den Mann, ihm diese Tochter zu zeigen.
Der Mann ging mit der Tochter zum Richter; dem gefiel die Tochter sehr. Sie war auch wirklich ein sehr hübsches, kluges und verständiges Kind. Der Richter ließ sie auf eigene Kosten die Schule besuchen und nahm sie später zur Frau. Sie leb-ten in einer glücklichen Ehe.
In demselben Ort lagen die Pferdekoppeln zweier Höfe einander gegenüber, und dazwischen stand nur ein erbärmlicher zerfallener Zaunrest. Der eine Bauer hielt auf seiner Koppel einen Wallach, der andere eine trächtige Stute.
Einst ging die Stute in der Nacht über den Zaunrest auf die andere Koppel hinüber zum Wallach des anderen Bauern und bekam dort ein Fohlen. Am Morgen kehrte die Stute wieder zur eigenen Koppel zurück, das Fohlen aber blieb beim Wallach. Der Bauer wollte das Fohlen holen, doch der andere Bauer gab es nicht her, es sei das Foh-len seines Wallachs. Für den Stutenbesitzer war das ein großer Verlust: ein schönes großes Hengstfohlen. Er erklärte zwar dem anderen, es könne doch unmöglich sein, daß sein Wallach ein Fohlen bekommen habe, doch dieser wollte nichts hören, sondern das Fohlen behalten.
Schließlich verklagte ihn der Stutenbesitzer. Doch der andere war mit dem Richter gut Freund, er brachte ihm Geschenke, und beim Gericht wurde das Fohlen ihm zugesprochen. Der richtige Fohlenbesitzer, dem die Stute gehörte, kam mit traurigem Gesicht aus der Gerichtsstube heraus. Das sah vom Fenster aus die junge Frau des Richters, und sie fragte den Mann, warum er so traurig sei. Der Mann klagte seine Not und welche Ungerechtigkeit es sei, daß er das Fohlen nicht bekommen habe.
Die Frau entgegnete: „Oh, das tut nichts, dein Fohlen wirst du schon bekommen. Ich werde dich lehren, wie: Der Richter geht jeden Tag im Wald am Rande der Sandwüste spazieren. Nimm morgen deine Fischfanggeräte, stell dich dort auf dem Sand auf und tue so, als würdest du Fische fangen. Wenn dich der Herr sieht, wird er natürlich fragen, was du machst, und er wird sehr staunen, daß du dort Fische fangen willst, wo sie überhaupt nicht sein können.“
So geschah es auch. Der Mann angelte am nächsten Tag im Sand nach Fischen, als der Herr dort spazierenging und es sehen konnte. Der Herr fing laut zu lachen an, wie er hörte, daß der Mann dort Fische fangen wollte. Der Mann entgegnete: „Ja, es ist wirklich unmöglich, hier auf dem Sand Fische zu fangen, denn die Fische leben ja im Wasser. Doch ich meine, daß es ebenso unmög-lich ist, daß ein Wallach ein Fohlen bekommt.“
Der Richter staunte über die Klugheit und Schlauheit des Mannes und sprach im Gericht das Fohlen wieder seiner Mutter zu. Er fragte den Mann, wie er auf einen solchen Gedanken gekommen sei.
Der Mann erzählte, daß ihn dies die Frau des Richters selbst gelehrt habe. Dies aber gefiel dem Richter nicht, daß sich seine Frau auf diese Weise in seine Angelegenheiten einmischte, und er drohte, sie davonzujagen, wenn sie noch einmal wagen sollte, solches zu tun. Die Frau aber hörte nicht darauf und half den anderen stets, wenn sie es nötig hatten.
Schließlich riß dem Richter die Geduld, und er sagte seiner Frau, daß sie am nächsten Tag von ihm wegziehen soll. Er versprach ihr, daß sie ein Kutscher mit Pferd und Wagen so weit bringen solle, wie sie es wünsche, und daß sie auch ihr teuerstes Gut nach eigenem Wunsch mitnehmen könne.
Die Frau richtete ein großes Fest, zu dem sie alle Freunde und Bekannten einlud und bei dem es gut zu essen und zu trinken gab. Die Frau sorgte ganz besonders dafür, daß ihr Mann recht viel Schnaps trank, so daß er schließlich ganz betrunken war und von nichts mehr wußte. Dann ließ sie die Pferde vor die Kutsche spannen, und sie fuhren zu einem Heuschober; darauf schickte sie den Kutscher nach Hause zurück.
Als der Herr ausgeschlafen hatte und nüchtern geworden war, erschrak er und fragte die Frau, was es bedeute, daß sie im Heuschober seien. Die Frau erinnerte ihn daran, daß er ihr erlaubt hatte, ihr teuerstes Gut mitzunehmen. Der Herr nun sei ihr das Teuerste. Der Herr bat sie von Herzen um Verzeihung, sie gingen nach Hause und lebten glücklich – vielleicht leben sie auch heute noch.

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