Die Aufteilung der Gänse

Ich habe gehört, daß in den alten Zeiten in Estland viele Gänse in den Dörfern gehalten wurden. Als ich noch ein Junge war, hielt sich auch in unserem Dorf ein Kätner Gänse. Jetzt aber sind sie in den Dörfern unserer Umgebung nicht mehr zu finden. Nur noch auf den Gütern.
Ein armer Kätner lebte mit seiner Frau in einer kleinen Kate ein geruhsames Leben. Da sie beide schon alt waren, konnten sie nicht mehr Kühe, Ziegen oder Schafe halten. Dafür hielten sie aber Gänse, nur so, um etwas zu tun zu haben und etwas zu versorgen, als einen liebgewonnenen Zeitvertreib.
Einst im Sommer hatte Gott ihre Gänse in einer wunderbaren Weise gesegnet, so daß die Jungen im Frühjahr zahlreich ausschlüpften und bis zum Herbst gut gediehen. Die Freude der Alten war riesengroß.
In dieser Freude sagte der Mann zu seiner Frau: „Da unsere Gänse in diesem Jahr so gut gediehen sind, könnten wir doch unserem Gutsherrn eine Gans schenken.“
Die Frau hatte nichts dagegen.
Am nächsten Morgen wählten sie die beste Gans aus, schlachteten sie, machten sie ordentlich sauber, und der Alte ging dann mit der Gans aufs Gut.
Er kommt zum Herrn und sagt: „Verehrter Herr, Gott hat in diesem Jahr meine Gänse reichlich gesegnet, deshalb bringe ich Euch in meiner großen Freude eine Gans zum Geschenk.“
Der Herr bedankt sich natürlich beim Alten für sein gutes Herz.
„Doch“, sagt schließlich der Herr lächelnd, „wir sind sechs Personen: ich, meine Frau, zwei junge Herren und zwei Fräulein. Kannst du diese geschenkte Gans an uns sechs so verteilen, daß jeder mit seinem Teil zufrieden ist?“
Der Alte zog seine Hosen hoch, die ihm ein bißchen heruntergerutscht waren, hüstelte etwas und kratzte sich mit den Fingerspitzen hinter dem Ohr, um sich Weisheit zu holen. Dann, nach einigem Nachdenken, sagte er langsam mit leiser Stimme zum Herrn: „Ich könnte schon aufteilen, aber ob die Herren mit meinem Aufteilen auch zufrieden sein werden?“
Der Herr beruhigte ihn: „Wenn du gerecht auf-teilst, werden wir natürlich zufrieden sein.“
Der Kätner begann:
„Herr, Ihr seid hier auf dem Gut der Herr, es müssen Euch alle gehorchen und Eure Befehle ausführen, so seid Ihr also das Haupt der Gutsleute. Daher gehört Euch denn auch der Kopf der Gans. Die zwei jungen Herren laufen natürlich überallhin, um statt Eurer die Geschäfte für Euch zu erledigen, denn Eure eigenen alten Beine kön-nen Euch nicht mehr überallhin tragen; die jungen Herren sind für Euch sozusagen die Füße, und sie sollen die Gänsefüße haben. Die zwei Fräulein werden ja nicht für immer hier bleiben. Wenn die Zeit kommt, werden sie von ihren Freiern geholt werden, und die Fräulein werden mehr fliegend als gehend mit ihnen fortziehen. Sie sollen meiner Meinung nach die Gänseflügel bekommen. Die alte Frau Gutsherrin hat mit äußeren Angelegenhei-ten und überhaupt mit Geschäften wenig zu tun, sie sitzt von morgens bis abends auf ihrem Klei-derschwanz im Zimmer. Also soll die Frau den Gänseschwanz haben.“
„Und wer bekommt dann den Körper der Gans?“ fragte der Herr.
„Nun, da ihr keine siebente Person mehr habt, wem soll ich ihn also zusprechen? Da bleibt er natürlich von Rechts wegen für mich für das Aufteilen.“
Der Herr lachte so, daß sein Bauch zu wackeln anfing. Nachdem er sich ausgelacht hatte, tät-schelte er mit seiner Hand die Handfläche des Alten und sagte:
„Ich sehe, du bist ein kluger, verständiger und gutherziger Alter. Erstens hast du mir mit deinem Geschenk Freude bereitet, und zweitens war dein Teilen sehr angebracht und spaßig. Ich bin damit sehr einverstanden.“
Daraufhin gab er dem Alten zehn Rubel und sagte: „Das ist der Lohn für deine Ehrlichkeit und deinen gewandten Witz.“
Die Freude des Alten war übergroß, so daß er nicht mal die gewohnten Dankesworte finden konnte.
Nachdem er sich zu Hause mit seiner Alten reichlich darüber gefreut hatte, konnte sich der Alte nicht anders beruhigen, als zu seinem reichen Nachbarn zu gehen und ihm von seinem Glück zu erzählen. Daß er vom Herrn zehn Rubel geschenkt bekommen hatte, erzählte er ihm zwar, doch vom Teilen der Gans sagte er dem reichen Nachbarn kein Wort.
Sobald der Alte den Nachbarn verlassen hatte, sagte der zu seiner Frau:
„Er hat für seine ungemästete, von der Weide weg geschlachtete Gans zehn Rubel bekommen, wir haben fette, gutgemästete Gänse. Ich werde fünf Stück von ihnen dem Herrn zum Geschenk bringen. Zweifellos bekomme ich für sie fünfzig Rubel.“
Die Frau lobte die Absicht des Mannes.
Gleich am nächsten Tag ging der reiche Mann mit fünf geschlachteten Mastgänsen aufs Gut und sagte dem Herrn: „Verehrter Herr, ich bringe Euch fünf Mastgänse zum Geschenk.“
Der Herr bedankte sich bei diesem Mann. Doch er begriff sofort, daß der reiche Mann nicht ge-kommen war, um aus Liebe zu ihm die Gänse zu schenken, sondern daß er sie aus Geldgier ge-bracht hatte.
Nach dem Dank sagte er dem Mann: „Wir sind sechs Personen, kannst du die fünf Gänse unter uns so aufteilen, daß jeder damit zufrieden ist?“
Der Mann schlägt die Augen nieder, entschul-digt sich und sagt: „Wie könnte ich in einer Herrenfamilie etwas aufteilen wollen, nein, nein, das kann ich nicht.“
„Wenn du die Aufteilung nicht übernimmst“, meinte der Herr, „lasse ich einen anderen kom-men. Die Gänse müssen aufgeteilt werden.“
Der Herr ließ nun den gestrigen Kätner kom-men und sagte: „Dieser Mann hier hat mir fünf Mastgänse zum Geschenk gebracht; doch er versteht es nicht, fünf Gänse unter sechs Personen aufzuteilen. Kannst du das machen?“
Der Kätner erwiderte: „Wenn die Herren mit meiner Aufteilung zufrieden sein werden, dann kann ich es wohl.“
„Wenn du vernünftig aufteilst“, versicherte der Herr, „werden wir zufrieden sein.“
Der Kätner teilt auf:
„Der Herr, die Frau und eine Gans sind zusammen drei. Zwei junge Herren und eine Gans sind zusammen drei. Zwei Fräulein und eine Gans sind zusammen drei. Und ich selbst und zwei Gänse sind zusammen auch drei.“
Natürlich war der Herr mit der klugen Verteilung des Mannes zufrieden. Der Kätner bekam zwei Gänse zum Lohn für die Aufteilung und kam freudig wie ein ehrlicher Mann nach Hause.
Der reiche Mann aber kehrte beschämt und mit leeren Händen nach Hause zurück, nur das Gelächter der Dorfleute war sein Lohn und Geschenk. Ein großer Bissen zerreißt immer den Mund.

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