Das Zeugnis des Hundes

Man sagt oft von einem streitsüchtigen Ehepaar: „Sie raufen sich wie Hund und Katze.“ In alten Zeiten aber lebten Hund und Katze in sehr großer Freundschaft. Weshalb sie zu Todfeinden wurden, erzählt eine alte Geschichte.
In alten Zeiten gerieten die Tiere wegen der Nahrung oft in Streit und erhoben vor dem Allvater schwere Klagen gegeneinander. Aus diesem Grunde befahl der Allvater allen Lebewesen, an einem bestimmten Tage zu ihm zu kommen.
Zur festgesetzten Zeit versammelten sich auch alle Lebewesen vor dem Allvater. Da bestimmte er jedem Tier seine Nahrung, und damit es in Zu-kunft keinen Streit mehr gäbe, befahl er, dieses Gesetz bis in die Ewigkeit zu halten. Nur der Hund kam zu spät. Alle anderen Tiere waren schon weggegangen, als der Hund vor den Allvater trat und sich verbeugte.
Der Allvater sagte: „Da du zu spät gekommen bist, kann ich dir nichts anderes versprechen als nur das, was vom Tisch des Hausherrn herunterfällt. Ernähre dich auf diese Weise.“
Da aber von den Tieren keins mehr anwesend war, das dieses Gesetz vor dem Hausherrn bestätigen konnte, bat der Hund den Allvater, ihm ein Zeugnis mitzugeben, was der Allvater auch tat.
Mit diesem Zeugnis ging der Hund nach Hause und füllte seinen Bauch mit dem Wenigen, was vom Tisch des Herrn herunterfiel. Der Herr wehrte dem auch niemals, sondern ließ stets den Hund die Reste aufsammeln. So brauchte der Hund vor-erst das Zeugnis nicht.
Da es für ihn aber beschwerlich war, das Zeug-nis zu hüten, gab er es seinem besten Freund – der Katze – und sagte: „Du, alter Freund, hockst sowieso immer zu Hause, du hast genug Zeit; ich aber habe stets viel zu tun, mal mit der Herde, mal auf der Jagd, sogar in der Nacht muß ich draußen wachen. Und so kann das Zeugnis leicht verlorengehen. Nimm du es in deine Pfoten, damit ich es im Notfalle dem Herrn vorweisen kann.“
Die Katze nahm das Zeugnis und versprach, es sorgfältig aufzubewahren. Doch wer achtet auf fremde Sachen? Sobald der Hund weggegangen war, steckte die Katze das erhaltene Blatt in ein Rattenloch unter der Wand. Nach einigen Wochen, als sie wieder an dieser Stelle vorbeikam, war das Blatt nirgends mehr zu sehen; wahrscheinlich hat-ten es die Ratten weggebracht. Die Katze durfte aber den Hund nicht einmal merken lassen, daß sein Zeugnis verlorengegangen war.
Im Herbst schlachtete der Herr ein Schwein, überbrühte die Borsten vor der Küche mit heißem Wasser und brachte dann das Schwein in die Stu-be, legte es mitten im Raum auf den Tisch und wollte mit dem Ausschlachten beginnen. Die Katze hockte auf dem Ofen, und der Hund schaute auf den Tisch, ob von dort nicht etwas für ihn herabfiele. Plötzlich glitt das Schwein dem Herrn aus den Händen und fiel vom Tisch herunter. Der Hund machte sich mit gutem Gewissen darüber.
Der Herr versuchte, ihn mit dem Besenstiel zur Seite zu schieben. Der Hund aber widersetzte sich: „Alles, was vom Tisch herunterfällt, gehört nach dem Beschluß des Allvaters mir! Katze, hole das Zeugnis her!“, sagte er und zeigte auf die Katze.
Da aber die Katze nichts zu holen hatte, schlich sie ängstlich zur Tür hinaus.
Der Hund dachte, daß die Katze es im Angesicht des wütenden Herrn nicht wagte, ihm das Schreiben zu geben, und eilte deshalb gleich hinter der Katze her auf den Hof; hier verlangte er von der Katze wieder das Schreiben, aber die Katze sagte kein Wort. Da stürmte der Hund voller Wut auf sie los. Die Katze aber spuckte dem Hund in die Augen, schlug mit den Pfoten nach ihm, lief um die Hausecke in den Stall und ging seitdem nicht mehr in die Nähe des Hundes. Der Hund aber scheint es der Katze bis auf den heutigen Tag nicht vergessen zu haben.
Da der Hund auch heute noch nicht weiß, wohin die Katze das Zeugnis gelegt hat, sucht er es überall und schnüffelt im Vorbeigehen an jedem Erdhügel und Strauch. Damit aber ein anderer Hund nicht an einer durchsuchten Stelle wieder zu suchen anfange, hebt er das Bein und beträufelt die durchsuchte Stelle; falls dann ein anderer Hund an dieselbe Stelle kommt, läßt er sie undurchsucht, hebt nach dem Beispiel des ersten das Bein und gibt den nachfolgenden Hunden dadurch ein Zeichen, daß die Stelle wirklich durchsucht ist.

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